July 6th, 2001
Wou, solche Fragen wie Marie Curie stellt mir sonst nur mein Bankleiter,hihi… Also, mein Leben als Olivenbäuerin wird natürlich hart. Am besten wird das in einem Buch geschildert, das ich mal eben suchen muß… Hab’ s schon. Es heißt
Das Paradies heißt Bramasole von Frances Mayes. Frances Mayes ist eine amerikanische Journalistin, die ihre Liebe zur Toskana schildert, dort ein Haus kauft und umbaut und sich dabei mit sich und dem Leben dort und überhaupt auseinandersetzt. Es ist äußerst empfehlenswert, weil liebevoll und ehrlich geschrieben, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommt.
Sam ist noch immer auf 180 und das ist neu und sehr erfreulich. Obwohl ihr Typ, der nicht glauben kann, daß es ihr ernst ist, schon zweimal angerufen hat, will sie nichts mehr von ihm wissen und überlegt, ob sie nicht überhaupt eigentlich lieber lesbisch werden sollte. Voll daneben, liebe Sam, denke ich, denn damit lösen sich die Probleme auch nicht. Ich denke mir, daß die Probleme dann ein wenig abgewandelt sind, aber im Grunde auch nicht anders. Krieg ist Krieg. Auf jeden Fall ist sie finster entschlossen, nun erst einmal solo zu bleiben. Marie hat ihr aus den Karten eine Prognose gegeben, die sie auch nicht gerade heiter stimmt. Sie solle erst einmal zu sich selbst finden, bevor sie eine neue Partnerschaft eingeht… Das hätte ich auch ohne Karten sagen können, aber Marie ist wirklich der liebste Mensch und deshalb behalte ich das für mich.
Mich erwartet ein arbeitsreiches Wochenende, denn leichtsinnigerweise habe ich meinem Schatz versprochen, ihm eine Hose zu NÄHEN!!! Er hat einen sehr eigenwilligen Geschmack und so gesehen werde ich das wohl auch schaffen. Muß nichts sitzen, Hauptsache, schön locker…
Ich werde berichten, wie es geklappt hat. Immerhin besteht dann ja auch die Möglichkeit, in der Toskana, wenn ich nicht gerade Oliven ernste, Herren-Beutelhosen zu nähen und auf einem Markt zu verkaufen. Phantasie ist alles…
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July 4th, 2001
Schlimmer kann es jetzt aber nicht mehr werden… sprach sie. Und es kam schlimmer. Murphys Gesetz. Kennt ja jeder, nicht wahr? Draußen herrlichstes Wetter, inwendig düstere Schwärze. Sam ist außer sich und am Boden zerstört. Ich wußte nicht, daß sie so viele Schimpfwörter kennt für einen einzigen Typen. Da hilft auch kein Psycho-Buch mehr. Sie hat ihn vor die Tür gesetzt und fragt jetzt alle Viertelstunde telefonisch nach, ob ich nicht auch der Meinung sei, daß sie richtig gehandelt habe. Ja, bin ich. Aber im Grunde will sie das alles gar nicht hören, sie möchte ‘auf den Arm’. Ich werde sie heute mitschleppen, an die Alster. Leute gucken. Mir hilft das immer.
Mein Termin war erfolgreich, natürlich. Die Numerologie hatte es vorausgesagt, Marie auch. Jetzt kann es losgehen, ich hoffe auf die große Karriere. Mein Häuschen in der Toskana… Ich habe mir im Internet eines ausgesucht, ein Turm aus dem 11. Jahrhundert, nicht viele Quadratmeter im Inneren, aber unendliche viele Quadratmeter Grundstück mit OLIVENBÄUMEN!!! Hatte ich nicht vor ein paar Tagen gerade noch geschrieben, daß ich ja Olivenbäuerin werden könnte? Nun, jetzt muß ich erst einmal Sam aufbauen und dann kann ich mich wieder meinen Phantasien hingeben. Ein unfehlbares Mittel gegen Frust, schlechte Laune oder graues Wetter.
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July 2nd, 2001
Kein Anruf von Sam. Gutes Zeichen? Ich wage es noch nicht zu glauben, aber da ich gerade selbst ein Problemchen habe, rufe ich auch lieber nicht an. Mein Kopf hämmert heute Stakkato, habe außerdem eine Tasse Cappuccino über meine schöne Leinenbettwäsche geschüttet, als ich mir den Zeh am Metallbettrahmen stieß, und überhaupt ist heute nicht mein Tag. Marie, die treue Seele, gab mir einen ihrer weisen Ratschläge, diesmal nicht aus den Tarotkarten: Bleib im Bett, Lou, heute richtest Du sonst nur Unheil an. Na, und wer will das schon? Außerdem - so ein Tag im Bett (das ich natürlich vorher frisch beziehen mußte) ist für mich immer eine Erinnerung an die Kindheit. Lesen, lesen, lesen, zwischendurch ein bißchen schlafen, mit Keksen krümeln, und sich verwöhnen lassen. Daran hapert es allerdings, denn mein Schatz ist nicht da, um diesen Liebesdienst zu übernehmen. Ich mache das Beste daraus und genieße die Stille. Morgen muß ich superfit sein, da habe einen wichtigen Termin im Büro… Werde mir schnell noch numerologisch den Erfolg errechnen lassen (etwas anderes ziehe ich gar nicht in Betracht), bevor ich wieder im Bett verschwinde… und meine Seele baumeln lasse.
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July 1st, 2001
Heute morgen rief Sam an. Ganz aufgeregt. Mark und sie sind SUPERGLÜCKLICH. Mark nimmt sie morgen mit in seinen Fußballclub. Das hält sie für eine Auszeichnung. Ich weiß genau, wie es weitergeht. Natürlich habe ich ihr das nicht gesagt, ihr Gedächtnis ist offensichtlich sehr kurz, ziemlich besorgniserregend, wenn man bedenkt, wieviel Fleisch sie immer gegessen hat… Das letzte Mal, als Mark ihr versprochen hatte, sie mitzunehmen, kam immer etwas dazwischen. Außerdem weiß ich, daß Sam, die soviel Wert auf Stil legt, dort bestimmt nicht hinpaßt… Aber ich wette, daß sie den Club auch diesmal nicht von innen sehen wird. Habe Marie angerufen. Sie zückte sofort ihre Tarotkarten und sah einen Turm und irgendetwas mit trübem Wasser. Ich werde mal die Kleenex bereitstellen. Ich bin Sams erste Anlaufstelle, wenn es wieder einmal soweit ist. Mein Schatz rollt schon mit den Augen. Er ist dann erst einmal abgemeldet.
Weil es regnete und meine Sorge um Sam mich ein bißchen blue machte, habe ich mir sämtliche Lieblingsfilme reingezogen. Also, falls es jemanden interessiert:
Brot und Tulpen, (gestern bin ich nicht mehr dazu gekommen, dafür konnte ich wieder einmal feststellen, wie lieb mein Lebensabschnittspartner sein kann)
Verzauberter April (spielt ebenfalls in der Toskana, ein superschöner Film angesiedelt in den 20ern)
Tee bei Mussolini
Der talentierte Mr. Ripley.
Jetzt habe ich viereckige Augen und eine unstillbare Sehnsucht nach Florenz und Siena. Kommt davon.
Also gut, ich werde jetzt mal meinen Hausfrauenpflichten nachkommen, obwohl es fast Mitternacht ist. Hat den Vorteil, daß die Staubverteilung schneller geht, weil man ihn nicht so genau sieht. Ich gerate immer erst in Hektik, wenn wir Besucher erwarten, die nicht zum engen Freundeskreis gehören. Mein Liebster amüsiert sich dann jedesmal wie Bolle - bis ich ihm den Staubsauger in die Hand drücke. Unsere Arbeitsteilung sieht so aus, daß wir beide nicht viel machen. Kein Streßpunkt in unserer Beziehung. Das nicht.
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June 29th, 2001
Genau. Eigentlich wollte sie mit mir einen feuchtfröhlichen Abend verbringen. Meine Freundin Sam (bürgerlich Susanne, aber Sam klingt mystischer, sagt sie). Ich mich gecremt und gesalbt und in Schale geworfen, da kam der Anruf. Sorry, sagt Sam, aber Mark hat heute abend Zeit, mit mir über unsere Beziehung zu sprechen.
Toll. Kein Fußball heute, Mark? Na, ist Sams Sache. Sie ist mit sieben Meter Literatur über Beziehungen bestens für so ein Gespräch gerüstet. Wie es ausgeht, wissen wir alle. Bei Sam ist es immer so. Sie hat nur solche Typen, bei denen sie ihre Psycho-Bücher ständig ergänzen kann. Bindungsangst. Frühkindliches Trauma. Oder so ähnlich. Marie, unsere Tarot-kundige Freundin, hat ihr heute eine leidenschaftliche Begegnung vorausgesagt. Wobei sie nicht Mark gemeint haben kann. Sonst müßte sie dringend ihre Karten erneuern.
Ich bleibe auch lieber zu Hause. Mein Kleid klemmt. Ich hatte es vor vier Wochen zuletzt an, aber seitdem muß es eingelaufen sein. Die hohe Luftfeuchtigkeit im Schrank, jetzt im Sommer. An andere Grunde denke ich lieber nicht.
Ich werde mich also in einem wundervoll weiten Seidenhemd auf dem Sofa drapieren und mir den Film Brot und Tulpfen auf DVD anschauen. Eine Hausfrau, die aussteigt. In Italien lebt. Wunderbar…
Italien. Fünf Jahre war ich nicht da. Unfaßbar. Aber ich werde eines Tages dort ein Häuschen haben, in der Toskana. Ich weiß es. Jeder träumt davon, der bei Verstand ist und täglich diese Marionetten, die unsere Regierung bilden, in den Nachrichten sieht. Und das Wetter ist sowieso ein Grund. Ich bin sicher, daß es so sein wird. Wieso? Weil ich meinen Wunsch ans Universum geschickt habe. Klappt immer. Zuerst waren meine Wünsche natürlich auch bescheidener. Aber langsam denke ich, wer klein denkt, bekommt auch nur klein. Woher sollen die dort oben wissen, daß man bereit ist für das Große, Wahre? Na also. Ich schreibe dann von dort weiter. Als Olivenbäuerin mit künstlerischen Talenten oder wie auch immer. Wird sich finden…
Gerade schaut mir mein Liebster über die Schulter. Ich habe mehr Glück als Sam. Er mag keinen Fußball. Auch kein Tennis. Nur seinen Computer, und mich. Hoffe ich. Weiß ich.
Er nimmt meine Toskanaträume natürlich nicht ganz ernst. Aber vorsichtshalber hat er schon mal gesagt, daß wir dort auf jeden Fall Strom haben müßten. Wegen des Internets. Hah. Dabei kennt er doch meine Hellsicht.
Küßchen. Nein, diesen Gedanken hatte ich gerade nicht. Aber fühlt sich gut an. Er zieht den Reißverschluß meines Kleides herunter. Ich kann wieder atmen…
Naja, den Film kann ich mir ja auch später anschauen.
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June 29th, 2001
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